„Und wenn es sich gemäß den Zeiten und Bedürfnissen ergeben sollte, etwas neu zu ordnen oder etwas anders zu machen, tut es klug und nach guter Beratung.“
Aus dem letzten Testament von Angela Merici (1539), der Gründerin des Ursulinenordens

 

Inhalt: "NPEA"
Übernahme durch die NSDAP
Mahnmal gegen rechts!
Zeitzeugen berichten

 
 

Der Schulaltbau in den 1930er Jahren
Fundstelle: Bibliothek des Ursulinenklosters Haselünne, Paulusweg 43

 

 

Die Nationalpolitische Erziehungsanstalt


    Im Jahre 1938 mussten die Beamtenkinder und die jüdischen Schülerinnen die St. Ursula-Schule verlassen.
    Im Jahre 1939 begann Abbau der Oberstufe.
    Am 11. Juni 1941 mussten die 70 Ursulinenschwestern innerhalb von 24 Stunden das Kloster verlassen, die St. Ursula-Schule wurde aufgelöst. Damit verloren 120 Internatsschülerinnen ihre Schule.

    Am 3. November 1941 wurde die NPEA-Emsland, so der offizielle Name, in Haselünne eröffnet. Die NPEA war eine Internatsschule für Jungen zur Heranbildung einer national-sozialistischen Führerelite. Die Ziele für die Schüler waren eine wissenschaftliche Ausbildung mit körperlicher Ertüchtigung und weltanschaulicher Schulung im Sinne des Nationalsozialismus. Bis 1945 besetzten die Nationalsozialisten in das Kloster. Während dieser Zeit kam es auch hier zu öffentlichen Bücherverbrennungen.

    Aber warum suchte man Haselünne aus? Dazu schreibt Andreas Lembeck:
    Andreas Lembeck ist ehemaliger Haselünner (Bäckerei Lembeck, Kirchstraße), war Schüler des Kreisgymnasiums St. Ursula Haselünne und ist jetzt Leiter der VHS Ganderkesee-Hude.

    "Die geographische Lage des Haselünner Ursulinenklosters entsprach den Idealvorstellungen der Nationalsozialisten. Sie sahen als ein wichtiges Ziel der National­politischen Erziehungsanstalten, in die „Hochburgen der Schwarzen“ einzudringen, wo „die katholische Kirche bisher einen guten Teil ihres Führernachwuchses gezogen (hat) auf Grund ihrer dort errichteten Konviktschulen.", so der Leiter der Haselünner NPEA in einem ausführlichen Bericht, der in den Akten von Hitlers Reichskanzlei erhalten geblieben ist."

    Dass es den Nationalsozialisten nicht gelungen ist, die katholische Bevölkerung des Emslandes "umzurehen", zeigt ein achtseitiger Bericht des Leiters der Anstalt an das Reichministerium in Berlin. Darin heißt es in dem auf den 21. Juni 1943 datierten Bericht, den Andreas Lembeck, VHS-Leiter in Ganderkesee, im Bundesarchiv in Koblenz einsehen konnte:

    "Wir können als Nationalsozialisten den Gehalt unserer Weltanschauung vorleben und verkünden und der einst notwendig werdenden Vernichtung der kirchlichen Macht eine aufbauende Tätigkeit zur Seite stellen ... Der Einfluß der Kirche ist aber so stark, daß die Erfolge unserer Arbeit äußerlich nur wenig sichtbar sind ... Solange noch ein Ortsgruppenleiter noch kirchlich beerdigt wird und die Menschen aus seinem Heimatorte an seinem Grabe aufs Knie fallen, um für sein Seelenheil zu beten, können wir noch nicht von Erfolgen sprechen."

    Anders in der Nationalpolitischen Anstalt, ein Zeitzeuge berichtet:

    "lm Frühjahr 1943 war in Heft 1 unserer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Emsland zu lesen, dass sie eine Hochburg nationalsozialistischer Erziehungsarbeit im Gau Weser-Ems ein sollte, ein Bollwerk unserer Weltanschauung, das die fähigsten Söhne dem Führer stellt. Wir lernten bei den Geländespielen intensiv die Begriffe: Befehle, Kämpfen, Siegen, Tapferkeit, Feigheit, Überlegenheit. Wir waren fast bis zum Ende des Krieges vom „Endsieg“ überzeugt. Wir übernahmen das Feindbild „Jude“ und wir ordneten die Polen und Russen als „Untermenschen“ ein, nachdem wir selbst schon bei der ärztlichen Untersuchung zur Aufnahme als „rassisch einwandfrei“ gegolten hatten. ...

    Diese Zeit in Haselünne hat gezeigt, was heute seitens anderer diktatorischer Regime auch erfolgreich praktiziert wird, nämlich junge Menschen mit gezielter „Erziehung“, die eigentlich Manipulation ist, für sich einzunehmen. ...
    Selbst bis zum nahen Kriegsende glaubten wir Jungmannen in Haselünne an den „Endsieg“, trotz des Erlebnisses, dass wir immer häufiger wegen der Gefahr von Bombardierungen Schutz im Wacholderhain suchten, nachdem die alliierten Bomberverbände über Weser-Ems ihre Einflugschneisen zu den deutschen Großstädten hatten. ...

    Zum Schluss möchte ich über meine Abreise aus Haselünne schreiben, deren Verlauf meine Leser vielleicht überraschen wird. lm April 1945 kam mein Vater nach Haselünne, da meine Mutter wegen der Kriegslage sehr unruhig wurde und sie mich zu Hause haben wollte. Mein Vater ging zum Anstaltsleiter de Haan, Altphilologe und Unterscharführer der SS. ... „Ich möchte meinen Sohn abholen.“... „Nehmen Sie Ihren Sohn mit.“ Mir war dieser Abschied gar nicht recht, da ich meinte, ich dürfe meine Kameraden nicht im Stich lassen. ... Unsere Lehrkräfte de Haan, Jung und Studt waren nach der Entnazifizierung zuletzt Oberstudiendirektoren und Leiter von Gymnasien, unser Klassenlehrer Ocker Studiendirektor.
    "

    Eine Erinnerungstafel des Abiturjahrgangs 1994 erinnert an diese Zeit. Die Tafel befindet sich an der Ostseite des Altbaus.

 


(c) vg - Initiative zum Erhalt des Schulaltbaus am Kreisgymnasium St. Ursula